Drago Persic text cv contact



Shot (2010)
Eine Gruppe von Gemälden von Drago Persic

Jasper Sharp

Sechs große Leinwände hängen Seite an Seite. Sie unterscheiden sich in ihrer Größe nur geringfügig voneinander, was einen leicht versetzten Rhythmus erzeugt, wie bei einer Kameralinse, die zwischen scharf und unscharf wechselt. Auf den leeren, schwarzen Flächen finden sich Darstellungen von Kleidungsstücken. Ein Kleid, ein Rock, eine Bluse, ein Hosenpaar, insgesamt zwölf Kleidungsstücke, in fast menschlicher Größe. Die Stücke sind scheinbar wahllos verstreut, es erschließt sich keine Ordnung, keine Wirkung der Schwerkraft, keine erkennbare Kontinuität in der Leserichtung von links nach rechts. Einige Kleidungsstücke wirken, als würden sie nach oben fallen, andere, als ob sie nach unten fielen, aufgebläht von unsichtbaren Windböen. Andere wiederum wirken unbewegt, vollkommen ruhig, wie Himmelskörper an einem besonders schönen Sternenhimmel.
Der Geist des Betrachters beginnt instinktiv zu arbeiten und versucht den Sinn dieser Szene herauszufiltern. Er versucht Halt in der Darstellung zu finden. Man bekommt den Eindruck, es könne sich um eine Art von Dialog handeln, wahrscheinlich weil man Kleidung beider Geschlechter vorfindet. Der Betrachter ist versucht, diese mit Bedeutung aufzuladen, wird sich aber rasch dessen bewusst, dass dafür zu viele Informationen fehlen. Erst sobald der Geist Ruhe findet, beginnt man, das Bild im Ganzen zu begreifen.
Einige der Kleidungsstücke wirken leer und leicht, schweben im dunklen Raum, andere wiederum erscheinen ausgefüllt, als würden sie die physischen Dimensionen und Verhaltenseigenschaften ihrer letzten Bewohner konservieren. Der reiche Faltenwurf und die Hell-Dunkel-Malerei erinnern an Himmelfahrtsdarstellungen oder jede beliebige Abbildung von archetypischen Falldarstellungen in mythologischen Gemälden, von Ikarus bis John Miltons Ausschluss Luzifers aus dem Himmel in Paradise Lost. Jüngere Referenzen finden sich bei Sarah Charlesworth mit ihren, aus Zeitungsberichten entnommenen, betäubenden, tragischen Porträts von im Fall befindlichen Menschen.
Die akribische Plausibilität dieser Arbeit und ihr stark begrenztes zeitliches Register verfrachten uns voll und ganz in die Welt des Films; in die Welt von Standbildern, Stop-Motion-Animation und des frühen Stummfilmkinos. Die Anordnung der Leinwände in Sequenzen verstärkt diesen Eindruck weiter. Als Shot im Jahr 2010 das erste Mal in Wien zu sehen war, wurde es gemeinsam mit drei kurzen, geloopten 8-mm-Filmen des Künstlers gezeigt. Es entstand eine multimediale Konversation über die Unendlichkeit, den Ursprung der Imagination und unser Vermögen oder auch Unvermögen, diese zu erfassen.
Die Arbeit konfrontiert uns mit einer Serie von offensichtlichen Widersprüchen. Mit dem Wunsch nach mehr Information, um das narrative Element der Arbeit besser zu verstehen, und der Erfahrung und Befriedigung, die von diesem unvollständigen Moment ausgehen. Mit den physischen Grenzen, welche die Gegenstände der Arbeit beinhalten und umreißen, und der grenzenlosen Freiheit, die sie gleichzeitig zu genießen scheinen, befreit von jeglichem Kontext oder konkreter Definition des Raumes. Mit der Flüchtigkeit des Augenblicks, die das Werk einfängt, und den unzähligen Stunden, die der Künstler damit verbracht haben muss, die Arbeit in ihrer Perfektion auszuführen. Mit dem Thema „Fall“, einer Metapher für den Kontrollverlust und einer malerischen Technik, die genau das Gegenteil beweist.
Die Werke haben eine sich langsam entwickelnde, emotionale Intensität. Sie zeigen eine Serie von intimen Momenten, manchmal angespannt, streitlustig, aber letztlich melancholisch, manchmal auch romantisch und kokett. So kontrolliert diese auch wirken, umschlossen von völliger Dunkelheit, wird rasch klar, dass das narrative Moment, soweit wir dieses begreifen, an einem anderen Ort stattfindet. Ihr Ende ist ungewiss, in ihrer unerschütterlichen Mortalität genießen die Werke einen intensiven Moment der Unbekümmertheit. Sie werden immer an der Schwelle zu einer bestimmten Handlung stehen – „in der Schwebe“, im wahrsten Sinne des Wortes.


Shot (2010)
A group of paintings by Drago Persic

Jasper Sharp

Six large canvases hang side by side with each other. They differ in size slightly from one to the next, creating a gently staggered rhythm, as if the lens of a camera would be repeatedly tightened and then relaxed. Strewn across their surface of characterless black fields are items of clothing. A dress, a skirt, a blouse, a pair of trousers, twelve in total, at an almost human scale. There is no obvious orientation or direction of gravitational pull, nor any discernible continuity as we read from left to right. Some of the clothes appear to be falling upwards, some down, billowed and buffeted by invisible gusts of wind. Others feel entirely still, like stars in some peculiar night sky.
The mind instinctively sets to work, attempting to make sense of the scene, to find a foothold in what it is seeing. There is a feeling of something being played out, a dialogue of sorts, owing perhaps to the presence of both men’s and women’s clothes. It wants to fill in what is not there, but in attempting to piece it together we realise that we are missing too many of the pieces. It is only when the mind rests that we begin to take in the complete picture.
While some of the clothes feel empty and weightless, levitating in their dark chambers, others seem full, preserving the physical dimensions and behavioural characteristics of their most recent occupants. The abundance of drapery and chiaroscuro recall depictions of the Ascension, and any number of archetypal falls from mythological paintings of Icarus to John Milton’s expulsion of Lucifer from heaven in Paradise Lost. Among more recent references, we are reminded of the work of Sarah Charlesworth, with her numbing portraits of tragic, falling human figures sourced from newspaper reports.
The works’ painstaking verisimilitude and limited chromatic register place us squarely in the world of film; of photographic stills, of stop motion animation and early silent cinema. The physical sequencing of the canvases serves to further emphasize this. When Shot was first exhibited in Vienna in 2010, it was shown together with three short 8mm looped films by the artist. A conversation across different media about endlessness, the origin of imagery and our ability or lack thereof to grasp it.
We are confronted with a series of apparent contradictions. Between the desire for information to complete the paintings’ narrative and the experience and gratification of an incomplete moment. Between the physical boundaries that contain and limit the works’ subjects, and the complete freedom that they appear to enjoy, removed from any context or concrete sense of space. Between the fleetingness of the instant that the works capture, and the hours of time that the artist will have spent to perfectly render it. Between a subject, the fall, a metaphor for loss of control, and a painterly technique that demonstrates the very opposite.
The works have a slow-burning, emotional intensity to them. They represent a series of private moments, at times tense, argumentative and ultimately melancholic, at others romantic and flirtatious. As contained as they feel framed within the darkness, it is clear that the narrative, at far as we understand of it, will be played out elsewhere. It is not known what the ending might be, for in their unshakeable mortality they enjoy an intense sense of abandon. They will always be on the verge, on the cusp of certain action— ‘in limbo’, in the truest sense.


Published 2017
Towards an as yet unknown denouement
Verlag für moderne Kunst
ISBN 978-3-903153-61-5